Digitale Souveränität im Eigenbau – oder warum Experimente nicht scheitern können

Von Alexander Euler
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Gibt es diesen einen Moment, in dem man sich plötzlich fragt: Wem gehören eigentlich meine digitalen Schlüssel? Vor kurzem saß ich abends auf der Couch, das MacBook auf dem Schoß, und ein Gedanke ließ mich nicht los: Was passiert eigentlich, wenn ein globaler Player wie Apple – aus welchem Grund auch immer – meinen Account sperrt? Mein gesamtes digitales Leben, meine Hardware, meine Daten – alles ist tief in Ökosysteme integriert, die fleißig nach Hause telefonieren. Wäre ich von heute auf morgen ausgesperrt? Hätte ich noch Kontrolle über meine eigenen Dateien?

Dieser Gedanke war der Startschuss für eine Reihe von Experimenten. Und das Schöne an Experimenten ist: Sie können nicht scheitern. Sie haben im schlimmsten Fall nur einen unvorhergesehenen Ausgang.

Hier ist die Geschichte, wie ich auszog, mir ein Stück digitale Souveränität zurückzuerobern.

Der Fluch der Heft-DVD (Rückblende 2007)

Um zu verstehen, warum dieser Schritt für mich überhaupt ein Experiment war, müssen wir kurz ins Jahr 2007 zurückspringen. Damals kaufte ich mir ein Linux-Magazin. Auf der beiliegenden DVD: Ubuntu. Es war mein erster Kontakt mit der Open-Source-Welt.

Euphorisiert wollte ich ein Dual-Boot-System auf meinem damaligen Samsung Notebook einrichten. Das Ende vom Lied? Ich habe bei der Installation absolut alles geschrottet. Meine Windows-Partition war weg, und mit ihr zwei fast fertige PowerPoint-Präsentationen, die ich für meine damalige Ausbildung dringend brauchte.

Dieser Vorfall und das damit verbundene durchgearbeitete Wochenende haben mich so geprägt, dass ich 2009 schließlich zum Mac User wurde. Es sollte einfach nur funktionieren. Und das tat es – bis zuletzt.

Wie der Beruf das private Setup prägt

Wenn ich ehrlich bin, gab es in meinem Leben schon immer eine klare Konstante: Mein beruflicher Kontext hat massiv beeinflusst, was ich privat an Technologie nutze.

  • Während meiner Ausbildung zum Mediengestalter baute ich meine erste eigene Website mit WordPress.
  • Als ich später in einer TYPO3-Agentur arbeitete, dauerte es nicht lange, bis meine private Seite auf TYPO3 migriert wurde.
  • Heute arbeite ich bei Anexia Cloud Solutions in einem Team, das Kubernetes as a Service entwickelt.

Mein Daily Business dreht sich um Open Source, Cloud Native-Technologien und – ganz essenziell – den Gedanken der europäischen, digitalen Souveränität. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis dieses Mindset auch mein heimisches Setup ins Wanken bringt. Wenn ich tagsüber verteilte Systeme und unabhängige Cloud-Infrastrukturen baue, warum mache ich mich dann privat so abhängig von den Big Tech-Konzernen?

Experiment 1: Das Kleinanzeigen-ThinkPad und die Rückkehr zu Ubuntu

Der Entschluss stand fest: Ich brauche ein Testlabor. Für kleines Geld habe ich mir über Kleinanzeigen ein gebrauchtes ThinkPad geschossen. Warum ein ThinkPad? Weil diese Geräte historisch für ihre extrem gute Linux-Kompatibilität bekannt sind (und meine Kolleg*innen es auch nutzen).

Das Ziel war, Ubuntu zu installieren und schonungslos zu testen, wie alltagstauglich Linux für mich im Heimgebrauch heute wirklich ist. Der Kontrast zu 2008 hätte kaum größer sein können: Hardware wurde sofort erkannt, das System war in Minuten einsatzbereit. Mit etwas digitaler Assistenz durch Gemini und der Gewissheit, dass diesmal keine PowerPoint-Präsentationen in Gefahr waren, lief die Einrichtung erstaunlich stressfrei ab. Kein Treiber-Chaos, selbst System- und Firmware-Updates laufen nativ und reibungslos über die integrierten Tools durch.

Was mich bei diesem Experiment besonders fasziniert hat, ist die Erkenntnis, wie wenig proprietäre Software ich im Alltag eigentlich noch nutze. Vieles läuft mittlerweile sowieso im Browser, und für nahezu jeden anderen Anwendungsfall gibt es inzwischen extrem ausgereifte Open-Source-Alternativen.

Und dann gibt es da noch diese kleinen, absurden Erfolgserlebnisse: Unser heimischer Canon-Drucker kommuniziert mit dem ThinkPad unter Ubuntu teilweise deutlich flüssiger und fehlerfreier als mit dem teuren MacBook.

Experiment 2: Ausprobieren mit dem Root-Server und Nextcloud

Hardware und Betriebssystem waren ein voller Erfolg. Aber das Daten-Problem und die Abhängigkeit von Cloud-Diensten blieben. Der eigentliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Kalender-Synchronisation. Versuch mal, einen Kalender reibungslos über ein MacBook, ein iPad, Pixel-Telefone und ein ThinkPad mit Ubuntu zu synchronisieren, ohne dass es irgendwo hakt. Ich war maximal unzufrieden.

Die Lösung – und gleichzeitig das nächste große Experiment – ist ein eigener Root-Server bei netcup und die Installation von Nextcloud.

Wir sind hier noch nicht an dem Punkt, an dem schon alle unsere Daten dort liegen. Es ist vielmehr ein Herantasten und Ausprobieren, wie eine eigene, souveräne „Familien-Cloud“ aussehen kann. Der erste Schritt war, das CalDAV-Management für die unterschiedlichen Endgeräte in unserem Haushalt dorthin auszulagern – weg von iCloud oder Google Drive, hin zu einem Server, der in Europa steht und über den ich die volle administrative Kontrolle habe.

Das Fazit der Experimente

Was als nachdenklicher Abend auf der Couch begann, hat meine private IT-Infrastruktur ordentlich in Bewegung gebracht.

Schlaflose Nächte gab es bei diesen Experimenten übrigens durchaus wieder. Aber dieses Mal nicht aus Frust über gelöschte Präsentationen. Sondern schlichtweg, weil ich tagsüber auch Papa von zwei Kindern und Ehemann bin – ein kleines, ziemlich erfolgreiches Familienunternehmen, das meine volle Aufmerksamkeit fordert. Da bleibt für Root-Server und Linux-Basteleien eben nur die Zeit, wenn der Rest des Hauses schläft – und man froh ist, eine KI als geduldigen Co-Piloten für dumme Fragen um 2:00 Uhr nachts an seiner Seite zu haben.

Die Kombination aus dem ThinkPad mit Ubuntu und den ersten Schritten in der Nextcloud auf dem netcup Server hat mir gezeigt: Digitale Souveränität muss kein abstraktes Buzzword aus dem Berufsalltag bleiben. Es ist ein machbarer, extrem spannender Prozess, der am eigenen Schreibtisch beginnt.

Foto von Eddie Sennov auf Unsplash.